Montag, 14. Dezember 2009

Gedichte und Prosatexte von Mitgliedern des Autorenkreises

Regina Lindemann

Nur Zeuge

Ihr könnt mich Daisy nennen, oder vielleicht auch Violet. Mein Name spielt bei dem, was ich zu bezeugen habe, keinerlei Rolle. Ich selbst spiele nur eine geringe Rolle und auch diese geht zu Ende. Meine letzte Tat besteht darin zu fühlen, wie der blutige Leib unter mir mit jeder verstreichenden Stunde kälter und kälter wird. Aber auch der Name des Leibes ist unwichtig, ich kenne ihn nicht einmal.Es sind die Ereignisse, die hier wichtig sind, nicht Gestalten oder Namen. Mein Stammplatz ist ein Raum hinter dem Lager eines Einkaufsmarktes. Vor hier aus konnte ich es kommen sehen, aber was hätte ausgerechnet ich schon dagegen unternehmen sollen.Alles fing damit an, dass in diesem Raum Gespräche geführt wurden. Einzelne Gespräche, vertrauliche Gespräche, in denen es darum ging, dass in diesem Raum zu viele Menschen ein und ausgingen. Von zu hoher Personaldecke war die Rede und von Kosten und Nutzen. Es langweilte mich, weil sich dasselbe Gespräch immer wiederholte - und was sollen mir schon Worte wie "Kosten" und "Nutzen" sagen. Es ging so lange, bis auch der letzte Mitarbeiter "vertraulich" wusste, dass nicht alle von ihnen hier im nächsten Jahr noch wären.Sie sprachen nicht miteinander darüber, natürlich nicht. Glaubte sich doch jeder im Vorteil, weil er mehr wusste als die anderen. Es dauerte nicht lange, bis Pläne gesät und ausgeführt wurden. Nachdem die Erste gehen musste, durchsuchte jeder die eigene Tasche sorgfältig auf untergeschobene Waren, ehe er sie mitnahm. Bald darauf begannen sie darüber zu streiten, wer den meisten gemeinsam bezahlten Kaffee trank und wer mehr Milch und wer mehr Zucker hineintat. Die Spinde wurden nicht nur sorgfältig verschlossen, sondern auch mit Haaren, Papierfetzen, Gummibändern präpariert, um zu sehen, ob sie jemand heimlich öffnete. Früher wurden in diesem Raum Gespräche voller Warmherzigkeit und Vertrauen geführt. Ich erfuhr viel über die Liebe der Menschen, über ihre Kinder, ihre Sorgen, Nöte und Hoffnungen. Jetzt stellten sie sich nur noch dar, wie sie gerne gewesen wären. Jedes Leben schien perfekt zu sein und so kühl wie die Glasscheibe direkt vor mir im tiefsten Winter. Niemand hatte mehr Probleme, aber jeder war gereizt und misstrauisch.In diese Situation kam der Leib, der jetzt tot unter mir liegt und dessen Namen ich nie erfahren habe. "Spitzel" zischte es immer wieder und damit meinten sie sie. Der Leib kam zur falschen Zeit an einen bösen Ort, in der alten Zeit wäre sie hier nicht so aufgenommen worden.Es ist erst einige Stunden her, da kam sie herein, gerade als dunkle Feierabendgeschäfte, wie sie früher niemand hätte machen wollen, vollzogen wurden. Sie war zu unerfahren, die Gefahr zu erkennen, die Täter nicht abgebrüht genug, das zu bemerken. Angst stand im Raum wie in die Luft gesprüht, Angst und - Unschuld. Der Leib war so gutgläubig, spürte nichts, wandte sich zur Kaffeemaschine und ahnte die Gefahr nicht einmal, die die beiden anderen längst für Gewissheit hielten. Die Beherztere - oder vielleicht die Panischere - der beiden packte mich mit meinem Topf, hob mich in die Höhe, bis über ihren Kopf, ich fühle noch den Luftzug an den Rändern meiner Blätter. Sie hob mich, sie benutze mich, mein Topf, mein Topf mit der verdorbenen Verzierung auf der Vorderseite, der verwischten Blume, die niemandem gefiel, mein Topf zerbrach auf dem Kopf des Leibes.Hier liegen wir nun beide. Es ist dunkel und leise geworden. Das Geschäft ist geschlossen, die drei waren die Letzten am Abend. Der Leib erkaltet unter mir, meine freiliegenden Wurzeln spüren es und können nichts tun.Mir bleibt nur zu bezeugen, was geschah.

***
Exposé
zum neuen Buch von Rosemarie Lichte
"Spuren von Glück, Tod und Glauben"

Leitthema der Texte sind die Beschäftigung mit dem Glück, dem Tod und dem Glauben. In kurzen Geschichten werden Erlebnisse von Lena und Jörg geschildert, den Hauptfiguren. Sie sind ein Paar Mitte Vierzig, Lehrerin und Dozent. Sie leben in einer westfälischen Stadt. Es werden alltägliche Erlebnisse, Reisen und Gedanken und Gefühle geschildert. Reisen nach Griechenland, Brandenburg, in die Türkei, nach Barcelona und Nicaragua. Erlebnisse in der Liebe und in der Schule. Gefühle und Gedanken zum Krieg, zum Neofaschismus, zu den Religionen. Zum Papst, zu Hunger und Armut, zu Naturkatastrophen. Zur Natur. Ein Kaleidoskop des Lebens in unseren Tagen. In dem Dreieck Glück, Tod und Glauben bewegen sich die Protagonisten und ihre Gefühle.

Textauszug:

In Griechenland
Die Tür von der Kapelle stand weit offen. Lena ging hinein. Viele der Passantinnen und Passanten der Athener Einkaufsstraße kamen hier herein. Saßen in den Bänken und beteten. Spendeten eine Kerze. Lena setzte sich still auf eine Bank. Sie wurde ganz ruhig. Der Straßenlärm verebbte im Hintergrund. So eine selbstverständliche Frömmigkeit, dachte sie. Das gibt es in Deutschland wohl kaum. Schade, dass Jörg das nicht sehen kann. Er war im Hotel geblieben. Sie hatten erlebnisreiche Tage hinter sich. Sie wollten einmal zu Sylvester etwas Besonderes unternehmen. Waren auf eine Anzeige in einer Zeitung “Sylvester in Griechenland” nach Athen geflogen. Dann mit dem Bus über Land bis auf den Peloponnes zu einem kleinen Ort gefahren. Als einzige Touristen im vollbesetzten Bus, schon die Fahrt war ein Erlebnis. Die Ferienanlage war schön, blühende Rosen, Orangenbäume, das Meer in Reichweite. Sie waren in einem Bungalow auf dem Gelände untergebracht. Aber sie waren fast die einzigen Gäste. Kostas sagte, auf die Anzeige sei sonst keiner gekommen. Sie hätten noch mal anrufen müssen. Sylvester entschuldigte er sich, er müsse zu seinem kranken Vater. Zwei junge Leute, die in einem anderen Bungalow wohnten, wollten an dem Tag nach Athen zu Freunden. So waren Lena und Jörg in der Sylvesternacht ganz alleine, hatten einen langen Spaziergang am Meer gemacht. Raketen um Mitternacht gab es hier nicht, nur eine rote Leuchtkugel am Horizont.

Tagsüber war es zwar mild, aber nachts wurde es doch kühl. Der Bungalow war nicht geheizt. Weil ihnen zu kalt war und weil es die erwartete Gesellschaft nicht gab, waren sie einige Tage früher als geplant abgereist. Nach Athen. Am letzten Abend gab es doch noch ein gemeinsames Treffen. Kostas lud sie ein in einen anderen Bungalow. Griechische Gäste waren da,. einer konnte sehr gut Klavier spielen und spielte ihnen etwas vor. Bis nach Mitternacht hatten sie zusammen gesessen.

In Athen hatten sie sich in einem Hotel direkt in der Stadtmitte einquartiert. Zuerst erkundeten sie die Stadt ausgiebig. Akropolis, andere Ausgrabungen, die Straßen um den Syntagmaplatz. Lange verweilten sie im Archäologischen Museum. Morgen wollten sie mit einem Bus zu einem Tempel fahren. Lena erhob sich und verließ die Kapelle. Sie spendete noch eine Kerze. Seit fünf Jahren, kurz vor ihrem 40. Geburtstag, hatte sie wieder Zugang zum Glauben gefunden. Eine tiefe Krise hatte sie damals durchlebt, beruflich und privat. Mit Jörg. Es war bis heute eines ihrer Streitthemen, die Kirche. Lena war Mitglied der evangelischen Kirche, Jörg war aus der Kirche ausgetreten. Er kam auch nicht mit in den Gottesdienst, höchstens mal zu Weihnachten. Für Lena war er ein Pantheist,
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